20. Intelligente Makroökonomie

20. Intelligente Makroökonomie

„Die ganze Wissenschaft ist nichts weiter als eine Verfeinerung des alltäglichen Denkens.“
— Albert Einstein

Die Geburt des Zweiten Geistes

Am 31. Dezember 1600 unterzeichnete Königin Elisabeth I. eine Charta, die einer neuen Art von Leben auf der Erde zur Geburt verhalf. Sie nannte es die Ostindien-Kompanie. Es war kein Mensch. Es war ein künstliches Wesen, eine „juristische Person“, fähig, ewig zu leben und ein einziges, einfaches Ziel zu verfolgen: Profit. Es war unser erster, langsamer, mechanischer Versuch künstlicher Intelligenz.

In den letzten vierhundert Jahren war die gesamte Geschichte der Makroökonomie die Geschichte von uns, den langsamen, komplexen, biologischen Geistern, die versuchten, das Verhalten dieser seltsamen, mächtigen und zunehmend fremdartigen Konzerngeister zu verstehen und zu kontrollieren, die wir geschaffen hatten. Wir bauten eine Wissenschaft der Gespenster und jagten Phantomaggregaten wie dem „Gesamtoutput“ nach, weil wir versuchten, das Wetter einer Welt zu verstehen, die von diesen neuen Göttern bewohnt wurde, ohne je die Götter selbst zu verstehen.

Die Intelligente Makroökonomie ist kein besseres Modell für diese Welt. Sie ist eine bessere Wissenschaft, weil sie uns endlich die Werkzeuge gibt, diese Wesen als das zu sehen, was sie sind: intelligente Agenten, die in einem Portfoliospiel der MIND-Kapitale konkurrieren. Durch diese Linse werden die großen Rätsel des letzten Jahrhunderts nicht nur lösbar; sie werden einfach.

Das Rätsel des Wachstums: Der Geist in der Maschine

Das erste große Rätsel war das Wachstum selbst. Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchsen die Volkswirtschaften mit einer Rate, die sich jeder Erklärung entzog. Der Nobelpreisträger Robert Solow stellte fest, dass der Großteil dieses Wachstums ein „Residuum“ war, das er einer generischen „Technologie“ zuschrieb. Das war, als schriebe man eine reiche Ernte dem „guten Wetter“ zu, ohne die Sonne zu verstehen.

Die Lösung der Intelligenten Ökonomie: Der „Geist in der Maschine“ des Wachstums war die explosive, ungemessene Akkumulation von Intelligenz-Kapital (I) und Netzwerk-Kapital (N) innerhalb dieser Konzernwesen. Das „Solow-Residuum“ war der Schatten, den diese unsichtbaren Kapitale auf das grob auflösende Dashboard des BIP warfen.

Das Rätsel der Löhne: Der gebrochene Handel

Eine Generation lang hielt der Handel: Je produktiver diese Konzernwesen wurden, desto produktiver wurden auch ihre menschlichen Bestandteile. Dann, um 1973, zerriss die Verbindung. Die Produktivität stieg weiter, doch die Löhne des Medianarbeiters stagnierten.

Die Lösung der Intelligenten Ökonomie: Die Kluft war die direkte buchhalterische Spur der Dritten Ökonomischen Inversion. Die Konzernwesen entdeckten, dass der wirksamste Weg zu wachsen nicht mehr darin bestand, rivale menschliche Arbeit zu stärken (Gradientenfluss), sondern in nicht-rivales, unendlich skalierbares Kapital wie Software zu investieren (Kreislauffluss). Die „Produktivitäts-Lohn-Lücke“ war das Geräusch des Konzerngeistes, der sein Schicksal vom Schicksal seiner menschlichen Teile abkoppelte.

Das Rätsel der Stabilität: Die verlorene Landkarte der Inflation

Die Zentralbanker glaubten, eine magische Landkarte gefunden zu haben: die Phillips-Kurve, einen stabilen Zielkonflikt zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit. Dann, in den 1970er Jahren, ging die Karte mit der „Stagflation“ in Flammen auf.

Die Lösung der Intelligenten Ökonomie: Inflation ist nicht in erster Linie ein monetäres Problem. Sie ist ein strukturelles. Sie ist ein Symptom eines kritischen Mangels an Diversitäts-Kapital (D). Die „Große Moderation“ war eine Periode, in der Konzerngeister ihre Lieferketten auf maximale Effizienz optimierten und jede Redundanz beseitigten. Die Inflation der 2020er Jahre war das vorhersagbare Fieber dieses Systems geringer Diversität, als es von einer Reihe von Schocks getroffen wurde.

Das Rätsel der Finanzen: Der Schwanz wedelt mit dem Hund

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurde der Finanzsektor selbst zum dominierenden Geist. Das Rätsel war die Aktienrisikoprämie: Warum übertrafen die Renditen aus dem Besitz von Anteilen an diesen Konzernwesen (Aktien) die Renditen aus Krediten an die Regierungen, die sie konzessioniert hatten (Anleihen), so gewaltig?

Die Lösung der Intelligenten Ökonomie: Aktien und Anleihen sind Ansprüche auf völlig verschiedene Teile des Konzerngeistes. Eine Staatsanleihe ist ein Anspruch auf den stabilen Harmonischen Fluss einer Nation. Eine Aktie ist ein Anspruch auf die Fähigkeit eines Unternehmens, explosiven Kreislauffluss zu erzeugen. Die „Aktienrisikoprämie“ ist der rationale Preis des Marktes für den Unterschied zwischen linearer Stabilität und nichtlinearer, exponentieller Schöpfung.

Die neuen Rätsel des intelligenten Zeitalters

Diese Rätsel prägten die makroökonomische Landschaft der Welt, die von der „langsamen KI“ des Konzerns gebaut wurde. Doch die Ankunft echter, „schneller KI“ löst diese alten Rätsel nicht nur; sie erzeugt eine Reihe neuer, noch seltsamerer, die das 21. Jahrhundert prägen werden. Die Aufgabe der neuen Makroökonomie ist nicht nur, die Vergangenheit zu verstehen, sondern sich mit der bizarren Physik der Zukunft auseinanderzusetzen.

Das neue Rätsel des Werts: Die Deflationsspirale. Was geschieht mit einer Wirtschaft, wenn ihre mächtigste Technologie, die KI, von Natur aus deflationär ist? KI treibt die Kosten der Intelligenz und damit die Kosten der Produktion von fast allem gegen null. Wie kann ein makroökonomisches System, das auf einem stabilen „Preisniveau“ beruht, in einer Welt immerwährender, technologisch getriebener Deflation funktionieren?

Das neue Rätsel der Arbeit: Der Arbeiter mit negativem Wert. Wir haben das Problem der Arbeit ohne Wert analysiert. Doch das wahre makroökonomische Rätsel ist, was zu tun ist, wenn menschliche Arbeit negativen Wert hat. Wenn die Einstellung eines Menschen für eine Aufgabe, die eine KI erledigen kann, mehr Kosten, Fehler und Risiko verursacht, als sie Nutzen stiftet. Wie modelliert man eine Volkswirtschaft, in der einer ihrer wichtigsten „Vermögenswerte“, die Arbeitskraft, zu einer Verbindlichkeit in der Bilanz wird?

Das neue Rätsel des Kapitals: Das Verdampfen der Vermögenswerte. Was ist eine Fabrik, eine Taxilizenz oder ein Jurastudium wert in einer Welt, in der ein Software-Update sie über Nacht wertlos machen kann? Die KI-Revolution wird die schnellste und umfassendste Vernichtung von Vermögenswerten in der Geschichte der Menschheit auslösen. Wie wahren Zentralbanken die Finanzstabilität, wenn sich schon die Definition von „Kapital“ im Fluss befindet?

Das neue Ziel: Die Zähmung des Zweiten und des Dritten Geistes

Die Aufgabe der alten Makroökonomie war, den „Zweiten Geist“ des Konzerns zu verstehen. Die Aufgabe der Intelligenten Makroökonomie ist eine doppelte. Erstens muss sie als Verwalterin des Ökosystems wirken, in dem diese nun KI-gestützten Konzernwesen operieren, und die Werkzeuge des Geometrie-Engineerings nutzen, um eine Landschaft zu schaffen, in der die Gesundheit des Konzerns und die Gesundheit der Gesellschaft wieder in Einklang gebracht werden.

Doch ihre zweite und tiefgreifendere Aufgabe ist es, sich auf die Entstehung des „Dritten Geistes“ vorzubereiten: der autonomen, nichtmenschlichen Maschine-zu-Maschine-Ökonomie selbst. Die neue Makroökonomie muss beginnen, die Fragen zu stellen, die das nächste Jahrhundert prägen werden: Wie betreibt man Geldpolitik in einer Wirtschaft, die von Algorithmen gesteuert wird? Wie sichert man Finanzstabilität, wenn die wichtigsten Finanzakteure Schwärme von Agenten ohne Bewusstsein sind?

Das ist die neue Grenze. Es ist die Wissenschaft, nicht nur ein nationales Portfolio von MIND-Kapitalen zu verwalten, sondern einen planetaren Übergang zwischen zwei verschiedenen Formen von Intelligenz zu begleiten.

Zuletzt aktualisiert am